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    Hänsel und Gretel

    Gebrüder Grimm 1812 1. Auflage Nr. 15 Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Der Bub hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen. Als nun große Teuerung ins Land kam, konnte er das tägliche Brot nicht mehr verdienen. Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: “Was soll aus uns werden? Wie können wir unsere Kinder ernähren wo wir für uns selbst nichts mehr haben?” “Weißt du was, Mann,” antwortete die Frau, “wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in…

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    Rotkäppchen

    Gebrüder Grimm 1812 1. Auflage Nr. 26 Es war einmal ein kleines Mädchen, das jeder lieb hatte, der sie nur ansah. Am allerliebsten hatte sie jedoch ihre Großmutter, die nicht wusste, was sie dem Kinde alles geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen aus rotem Samt. Weil ihm das so wohl stand und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen. Eines Tages sprach seine Mutter zu ihm: “Komm, Rotkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein. Bring das der Großmutter hinaus, denn sie ist krank und schwach und wird sich daran laben. Mach dich auf, bevor es heiß wird. Wenn du hinauskommst,…

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    Die Haselrute

    Grimms Märchen 1850 6. Auflage Nr. 10 Eines Nachmittags hatte sich das Christkind in sein Wiegenbett gelegt und war eingeschlafen. Da trat seine Mutter heran, sah es voll Freude an und sprach ”Hast du dich schlafen gelegt, mein Kind? Schlaf sanft. Ich will derweil in den Wald gehen und eine Handvoll Erdbeeren für dich holen. Ich weiß wohl, du freust dich darüber, wenn du aufgewacht bist.” Draussen im Wald fand sie einen Platz mit den schönsten Erdbeeren. Als sie sich aber herab bückt, um eine zu brechen, so springt aus dem Gras eine Natter in die Höhe. Sie erschreckt, lässt die Beere stehen und eilt hinweg. Die Natter schießt ihr…

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    Die Sternthaler

    Grimms Märchen 1819 2. Auflage Nummer 153 Es war einmal ein kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben und es war so arm, dass es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen und kein Bettchen mehr hatte, darin zu schlafen und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte. Es war aber gut und fromm. Und weil es so von aller Welt verlassen war, ging es im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus ins Feld. Da begegnete ihm ein armer Mann, der sprach: “Ach, gib mir etwas zu essen, ich bin so hungrig.”…

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    Von einem der auszog das Fürchten zu lernen

    Grimms Märchen 1819 3. Auflage Ein Vater hatte zwei Söhne, davon war der Älteste klug und gescheit und wusste sich in alles zu schicken. Der Jüngste aber mit Namen Hans war dumm, denn er konnte nichts begreifen und lernen. Wenn ihn die Leute sahen, sprachen sie: “Mit dem wird der Vater noch seine Last haben!” Wenn nun etwas zu tun war, so musste es der Älteste allzeit ausrichten, ließ ihn aber der Vater noch spät oder gar in der Nacht etwas holen und der Weg ging dabei über den Kirchhof oder sonst einen schaurigen Ort, so antwortete er wohl: “Ach nein, Vater, ich gehe nicht dahin, es gruselt mir!” Denn…

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    Der Wolf und die sieben Geißlein

    Gebrüder Grimm 1812 1. Auflage Nr.5 Es war einmal eine Geiß, die hatte sieben junge Geißlein. Sie hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat. Eines Tages wollte sie in den Wald gehen und Futter holen, da rief sie alle sieben herbei und sprach: “Liebe Kinder, ich will hinaus in den Wald. Seid auf eurer Hut vor dem Wolf, denn wenn er hereinkommt, frisst er euch mit Haut und Haar. Der Bösewicht verstellt sich oft, aber an seiner rauhen Stimme und an seinen schwarzen Füßen werdet ihr ihn gleich erkennen.” Die Geißlein sagten: “Liebe Mutter, wir wollen uns schon in acht nehmen. Ihr könnt ohne Sorge fortgehen.” So…

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    Das tapfere Schneiderlein

    An einem Sommermorgen sass ein Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften. Da kam eine Bauersfrau die Strasse herab und rief: “Gut Mus feil! Gut Mus feil!” Das klang dem Schneiderlein lieblich in die Ohren. Er steckte sein zartes Haupt zum Fenster hinaus und rief: “Hier herauf, liebe Frau, hier wird sie ihre Ware los.” Die Frau stieg die drei Treppen mit ihrem schweren Korbe zu dem Schneider herauf und musste die Töpfe sämtlich vor ihm auspacken. Er besah sie alle, hob sie in die Höhe, hielt die Nase dran und sagte endlich: “Das Mus scheint mir gut, wieg sie mir doch vier Lot…

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    Der wunderliche Spielmann

    Gebrüder Grimm 1812 1. Auflage Nr.8 Es war einmal ein wunderlicher Spielmann, der ging durch einen Wald mutterseelenallein und dachte hin und her. Als für seine Gedanken nichts mehr übrig war, sprach er zu sich selbst: “Mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang. Ich will einen guten Gesellen herbeiholen.” Da nahm er die Geige vom Rücken und fiedelte eins, dass es durch die Bäume schallte. Nicht lange, so kam ein Wolf durch das Dickicht daher getrabt. “Ach, ein Wolf kommt! Nach dem trage ich kein Verlangen,” sagte der Spielmann. Aber der Wolf schritt näher und sprach zu ihm: “Ei, du lieber Spielmann, was fiedelst du so schön! Das…